Regensdorf, Stürm und ich

Die ersten paar Jahre meines Lebens wohnte ich praktisch neben dem Eingang der alten Strafanstalt in Regensdorf, weshalb ich die dortige Umgebung sehr gut kenne. Die Anstaltshäuser, die Cafeteria Playa (heute Thai Playa), den Kiosk an der Bushaltestelle bei der Kreuzung Watter-/Riedthofstrasse (beides gibt es schon lange nicht mehr gibt). Die Strafanstalt wurde 1995 durch einen Neubau ersetzt und heisst heute Justizvollzugsanstalt Pöschwies.

1980 war die Jugend in Zürich in Bewegung. Der Opernhaushauskrawall am 30./31. Mai 1980 war die Initialzündung der Zürcher Jugendunruhen, welche die Stadt für zwei Jahre mit gewalttätigen Krawallen und mit massiver Polizeigewalt prägen sollten. Die Jugend kämpfte für ein autonomes Jugendzentrum (AJZ). „Macht aus dem Staat Gurkensalat!“ war damals eine Parole. Und: „Züri brännt“. Die Zeit war damals sehr ideologisch geprägt. Jugend und bürgerliches Establishment standen sich unversöhnlich gegenüber. Der Staat und seine Institutionen als Feindbild. Die Jugendlichen als Störenfriede. Und heute, 40 Jahre später, leben wir wieder in ideologischen Zeiten. Die Jugend kämpft nun für das Klima und es tobt ein Kulturkampf um Genderfragen.

Der damalige Konflikt zeigte sich exemplarisch am 15. Juli 1980, als das legendäre Ehepaar Müller das Schweizer Fernsehen (SRG) aufmischte (Video). Währenddessen strahlte Roger Schwawinski mit mit seinem Piratensender „Radio 24“ vom Pizzo Groppera nach Zürich ein und griff von Italien das Medien-Establishment (SRG-Monopol) frontal an. Die Schweiz war im Umbruch.

Ich war damals noch zu jung. Mir fehlte das politische Bewusstsein. Ich ging noch brav in Regensdorf zur Schule. Lehrer waren Respektspersonen. Einmal gerieten wir bei der Rückfahrt von einem Klassenausflug beim Hauptbahnhof in den Ausläufer einer Demonstration. Tränengas in der Luft. Damals fuhr der Zug noch nicht direkt nach Regensdorf, weshalb man am Sihlquai, nahe dem AJZ, das Tram nach Höngg nehmen musste. Mehr bekam ich direkt von den Jugendunruhen nicht mit. Erst Jahre später sah ich den Film „Dani, Michi, Renato & Max„ von Richard Dindo.

In dieser Zeit war der notorische Serieneinbrecher Walter Stürm in Regensdorf inhaftiert. Er war als Ausbrecherkönig bekannt. Wegen seiner Gefängnisausbrüche galt für ihn ein besonders strenges Haftregime. Einzelhaft. Seine Sympathisanten sprachen von Isolationshaft. Wer das System herausforderte, musste die volle Härte des Systems spüren. Jahre später reagierte Stürm darauf mit Hungerstreiks.

Am 13. Dezember 1980 fand vor der Strafanstalt Regensdorf eine Demonstration für Stürm statt. Damals wohnte ich bereits an einem anderen Ort in Regensdorf und bekam nichts von dieser Kundgebung mit. An dieser nahmen insbesondere Stürms damaliger Anwalt Bernard Rambert, der rote Beni, und der bekannte Journalist Niklaus Meienberg teil. Auf einem Plakat stand „Hochsicher ist totsicher“.

(Bildnachweis: siehe Impressum)

Die Linken betrachteten Stürm als Opfer des Systems. So wurde er zu einer linken Ikone. Diese Idealisierung war jedoch eine ideologisch verzehrte Wahrnehmung der Realität. Stürm war Täter, nicht Opfer. Es war jederzeit selbst seines Schmiedes Glück. Das strenge Haftregime war selbstverschuldet. Und Stürm blieb bis zu seinem Suizid am 13. September 1999 im Kantonalgefängnis Frauenfeld völlig unbelehrbar. Zu dieser Zeit war jedenfalls der Lack schon lange ab. Stürm war kein Held mehr, sondern nur noch eine tragische Figur.

Walter Stürm war damals das, was Brian alias Carlos heute ist. Ein unverbesserlicher Krimineller, der seine Haftsituation selbst verschuldet hat. Sowohl Stürm als auch Brian brachten oder bringen das System an den Anschlag. Da fragt sich grundsätzlich, wie der Staat mit solchen Leuten umgehen soll. Eine einfache Antwort gibt es nicht. Wegen Stürm kam es jedenfalls zu Reformen des Strafvollzuges. Und heute gehört Rambert zum Anwaltsteam von Brian. So schliesst sich der Kreis wieder.

Die Demonstration am 13. Dezember 1980 brachte schliesslich nichts. Stürm verblieb weiter in Einzelhaft in Regensdorf. Bis zu seinem erneuten Ausbruch am 13. April 1981. Dabei hinterliess er eine Nachricht: „Bin beim Ostereiersuchen, Stürm.“ Die halbe Schweiz lachte. Fünf Monate später wurde Stürm in Frankreich verhaftet und kam wieder zurück nach Regensdorf. Ich ging immer noch brav zur Schule.